Da wird ganz schön was aufgefahren: Der Hamburg-“Tatort” mit Wotan Wilke Möhring jongliert mit Fracking und Zombie-Dörflern. Und als Bonus-Track gibt’s AnnenMayKantereit.

Bescheidenheit ist immer nicht das Ding vom Tatort. Wenn es mal Schauwerte gibt, Prominenz, ungewohnte Nasen,
dann wird auch vorgezeigt. Wie in Böser Boden (NDR-Redaktion Donald Kraemer), in dem die angesagte Combo AnnenMayKantereit
einen Auftritt absolviert mit ihrem Smash-Hit: Oft gefragt.

Eigentlich sollen die jungen Burschen an ihren Instrumenten
nur den Hintergrund bilden für eine Clubszene, in der Kommissar Falke (Wotan
Wilke Möhring) nach seinem verlorenen Sohn (Levin Liam) sucht. So lang, wie der
Gig aber ausgespielt wird, so oft, wie die Jungs ins Bild genommen werden,
kommt man nicht umhin, die Szene als eine Art Bonustrack zu verstehen: Falke
sucht nicht seinen Sohn, sondern der Tatort macht mal Pause und legt
ein Lied von AnnenMayKantereit auf.

Die Sohn-Geschichte wird Balsam auf die Mühlen der
ARD-Sonntagskrimi-Aficionados sein, die sich mehr Privatleben wünschen. So
richtig versteht man’s nicht (Was war das jetzt noch für eine Nummer mit diesem
mühsamen Sohn?), aber es hat durchaus eine erzählerische Funktion, dass die
zweitbekannteste Handymelodie unter den Tatort-Kommissaren
(Sympathy for the Devil; nach Thiels Auf der Reeperbahn
nachts um halb eins
) öfter mal ertönt. Das zwingt Falke dazu, ranzugehen
und sich immer wieder aus den Ermittlungsgesprächen draußen aufm Land zu
verabschieden.

Falke ist der Realitätsanker in diesem merkwürdigen Film
(Drehbuch: Georg Lippert, Marvin Kren). Der handelt von Fracking in der Fläche
und von dagegen sturmlaufenden Dorfbewohnern. Entworfen wird die Geschichte als
Zombie-Film – die Autochthonen sind allesamt geschminkt, als stünde Halloween
noch bevor. Die Kinder sehen aus wie die Waisenknaben, die bei den Simpsons ein Running Gag sind: zerschlissene Kleidung und blasse
Gesichter, kranke Augen und dauerndes Gehüstel.

Als redaktionelle Idee mag dieser Ansatz abwechslungsreich
erscheinen – dass man ein irgendwie politisches (Umweltzerstörung durch
profitabel-rücksichtlose Energiegewinnung) und irgendwie universelles Thema
(die von aller Macht verlassenen Indigenen formieren sich final als Mob)
aufbrezelt durch Genre-Gegrusel. Allerdings ist es schon ästhetisch ein wenig
anstrengend, dass der Preis für den Look die Kamera (Oliver-Maximilian Kraus)
permanent zu spooky Weitwinkelaufnahmen treibt.

Zumal, und das ist die fehlende Unterlegscheibe in der
ganzen Konstruktion, die innere Realität des Films in ihrer Ausgedachtheit
losgelöst ist von den Wirklichkeitsbezügen, die den Fall triftig machen würden.
Fracking hat es in Deutschland doch schwerer, als der Tatort
behauptet. Und wenn im Presseheft erklärt wird, dass es ein Dorf im schönen
Niedersachsen gibt, in dem die konventionelle Gasförderung offenbar zu
steigenden Krebserkrankungen führt, dann passt das nicht in die Bilder, die von
der Fracking-Diskussion aufgerufen werden.

Natürlich ist Böser Boden ein Film, der sich
ausdenken kann, was er will. Weil der Film aber die Wirklichkeitsreste, von
denen er sich seine Inspiration holt, derart überschüssig ins Reich der
Fantasie ballert, fehlt dem Film am Ende der Halt durch Plausibilität. So
automatisiert wie der Zombie-Mob zum Schluss vor den Werkstoren aufläuft,
könnte er sich auch deshalb organisiert haben, weil den Leuten beim
Martinsumzug die Kerzen ausgegangen sind. Oder das Mittagessen gestern nicht
geschmeckt hat.

Alle ZEIT-ONLINE-Rezensionen, ZEITmagazin-Kritikerspiegel, Kartengeschichten und Analysen zum Sonntagabendkrimi finden Sie auf unserer Themenseite zu 1.000 Folgen Tatort.

Außerdem kokettiert der Tatort mit den Gründen
für die bleichen Gesichter, in die die Betrachterin die ganze Zeit mit
schlechtem Gewissen beim Griff in die Chipstüte schaut. Woher der schlechte
Pflegezustand der Landbevölkerung rührt, bleibt bis zum Abspann offen – als
Element von Spannung, als Mittel zur Ambivalenz mag das dramaturgisch
theoretisch taugen. Nur ist der Film dann eben auch zu unterkomplex, wenn
medizinische Versorgung überhaupt kein Aspekt ist, der in dem Gegenüber von
Fracking-Bude und Einheimischen-Leid eine Rolle spielen könnte.

Die Krimihandlung ist derweil konventionell bis schematisch.
Der Täter findet sich, als Kommissarin Grosz (guter Eindruck: Franziska Weisz)
am Werktor von der Mutter der wortführenden Dorffamilie erfährt, dass eines
ihrer Kinder eine Plastiktüte besitzt. Weil der die Ermittlungen auslösende tote
Fracking-Firma-Fahrer Arash Naderi (Hadi Khanjanpour) erstickt wurde, ist mit
einem Mal alles klar. Wegen einer Plastiktüte, einem dieser seltenen Dinger, an
die schwer ranzukommen ist. Auch nicht so richtig überzeugend, aber immerhin
passend zu diesem Tatort.

Ein Hinweis, mit dem man Mansplainern kommen kann: “Schöner Vortrag, aber deswegen sind wir gar nicht da.”

Eine Phrase, zu der es ein Gif geben sollte: “Die sehen alle so aus, als ob sie dasselbe Handtuch benutzen.”

Etwas für den Grabstein: “Was gibt’sn da zu glotzen?”

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