Wie soll man mit Rechten umgehen? Argumente blocken sie ab, sagt unser Autor, der früher selbst ein Rechter war. Er empfiehlt das Schwierigste überhaupt: Menschlichkeit.

Der Bestseller Mit Rechten reden von Per Leo, Max
Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn endet mit einer Einladung an die im Buch
beschriebenen Rechten: Die Autoren, die sich selbst nicht als links, sondern
als nicht rechts bezeichnen, würden gerne “auf zivilisierte Weise” mit diesen
Rechten debattieren; hart im Argument, aber ohne jene reflexhafte
Vorverurteilung, die – so die These des Buches – den moralistischen, den
“linken” Umgang mit den Rechten ausmacht. “Wir vertrauen darauf, dass sich
unter vernünftigen Leuten vernünftige Gespräche von allein ergeben”, sagen die
Autoren mit Blick auf die Rechten.

Adressiert sind damit nicht
“gewaltbereite Neonazis”, die man, wie weiter vorne im Buch zu lesen ist, “getrost” dem Verfassungsschutz, der Polizei oder der Antifa überlassen sollte, sondern Rechte, mit denen man reden kann, weil ihnen ein Mindestmaß an Diskursbereitschaft zugesprochen wird – Rechte, wie ich selbst über die längste Zeit meines Studiums einer gewesen bin.

Als ich Anfang der
Neunzigerjahre mein Studium der Volkskunde und Vergleichenden
Religionswissenschaft an der Bonner Universität begann, kam ich mit jungen
Männern zusammen, die sich für Neuheidentum, Okkultismus und Satanismus
interessierten. Wie ich standen sie der sogenannten Hypermoral und
Herdenmentalität der Mehrheitsgesellschaft ablehnend gegenüber und hielten die
Aufklärung für eine Verirrung. Die Mehrheit dieser Männer (so auch ich) leitete keine konkreten politischen Forderungen daraus ab, ging gar nicht zur Wahl – sah sich aber in jedem Fall als “rechts”.

Den intensivsten
Austausch pflegte ich mit einem ehemaligen Waldorfschüler. Er war Mitglied der Church of Satan und hielt das Christentum
für eine Sklavenreligion. Als ehemaliger Jesuitenschüler gefiel mir das
besonders gut. Der Kommilitone war eher klein und hatte seine langen, etwas
fettigen Haare meist zum Zopf gebunden; er trug eine Nickelbrille, eine
schwarze Jeansjacke und um den Hals einen kleinen Hammer des germanischen
Donnergottes Thor. Er sah aus wie eine Mischung aus Heide, Hippie und Himmler.

Wir arbeiteten
gemeinsam an einem Manuskript für das erste deutschsprachige Standardwerk über
Satanismus, doch dann verlor er Zeit und Interesse, weil er Chefredakteur eines
rechtsextremen Magazins wurde. Er nannte es kulturrevolutionär. Wir pflegten
losen Kontakt zu einem Heiden-Stammtisch und trafen uns hin und wieder auch mit
organisierten Rechtsextremen, unter anderem mit Mitgliedern des Sturmvogel (einer rechtsextremen
Jugendorganisation, die sich kurz vorher von der offen neonazistischen Wiking-Jugend abgespalten hatte) und
der Freiheitlichen Deutschen
Arbeiterpartei (einer Kleinpartei, die 1995 wegen der Verwendung von
Nazisymbolen verboten wurde).

Wir lasen Nietzsche, Werke
des faschistischen Philosophen Julius Evola, des Sex-and-Drugs-Okkultisten Aleister Crowley, des reaktionären französischen
Vordenkers Alain de Benoist oder auch den Verschwörungsklassiker Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20.
Jahrhundert
von Jan Udo Holey, der in Deutschland zwischen 1996 und 2001
wegen Antisemitismus indiziert und beschlagnahmt wurde. Wir fabulierten über eine
neue Elite, über das antiglobalistische Nebeneinander fest gefügter kultureller
Identitäten, über Neofolk und Black Metal, über das Recht des Stärkeren, über die
Verheerungen eines liberalen Materialismus und die Rückkehr zum Glanz und Mythos
des antiken Heidentums.              

Wenn mir damals jemand
vorhielt, meine Ansichten seien rechtsextrem oder faschistoid, antwortete ich: “Wenn
du meinst.” Je hysterischer mein Gegenüber reagierte, desto mehr fühlte ich
mich in meinen Thesen bestätigt. Ich sah den Menschen als heillos gewalttätiges Wesen und
die Welt als Schauplatz eines ewigen Kampfes. Für besonders gewalttätig hielt
ich die Menschen, die alle Gewalt vernichten wollten und die in Leuten wie mir
den Ursprung allen Übels sahen.

Was solche Menschen als
das Böse anklagten, hatte für mich einen Wert an sich: Ich sah darin einen Teil
der Wirklichkeit, den nur Schwächlinge nicht wahrhaben wollten. Ich hielt mich
nicht in erster Linie oder rund um die Uhr für einen Satanisten oder für
rechtsextrem, sondern vor allem für einen Freigeist. Hitler und den Holocaust
fand ich abstoßend, auch wenn ich das provokative Potenzial des “Dritten
Reiches” manchmal nutzte. Milderen Formen des Faschismus, wie ich sie zum
Beispiel in der Elitenherrschaft von Platons Staat zu erkennen glaubte, konnte ich allerdings viel abgewinnen. Aber
über solche Dinge konnte man mit den meisten Leuten nicht reden.

Ich suchte solche
Gespräche auch nicht. Es lag etwas Doppelbödiges in meiner Haltung: eine Lust
daran, nicht verstanden zu werden, ein elitäres Sich-Entziehen. Nannte jemand
meine auch in Seminaren vorgebrachten Äußerungen frauenfeindlich oder
rassistisch, dann fand ich das dümmlich, rechtfertigte mich aber selten. Ich hielt
Frauen und Männer ihrem Wert nach für ebenbürtig, ihrem Wesen nach aber für
grundverschieden: Die Erfüllung der Frauen lag in anderen Bereichen als die der
Männer. Das machte mich in meinen Augen nicht zu einem Frauenfeind, sondern zu
einem, wie ich es nannte, “Differenzfeministen”.

Post Author: admin

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