Frankfurts Präsident möchte keine AfD-Wähler in seinem Verein. Darf man sie ausschließen oder gehört der Sport allen? Ein Streitgespräch zwischen zwei Fans

ZEIT ONLINE: Herr Oechler, Sie sind Eintracht-Fan, Herr Turnwald, Sie sind Fan und Mitglied. Ihr Präsident Peter Fischer legt sich mit der AfD an, er sagt: “Es gibt für die braune Brut keinen Platz. Solange ich da bin, wird es keine Nazis bei Eintracht Frankfurt geben.” Wie finden Sie das? 

Sven Turnwald: Sehr gut, deswegen schätze ich Fischer. Die AfD macht mir Sorgen, die Entwicklung unserer Gesellschaft macht mir Sorgen. Gut, dass jemand gegen den Rechtsruck Stellung bezieht. 

Armin Oechler: Nicht gut. Ich verstehe Fischer nicht. Ich bin weder AfD-Mitglied noch AfD-Wähler, aber von den 45.000 Eintracht-Fans in unserem Stadion haben sicher ein paar Tausend die AfD gewählt, und in Fischers Vip-Loge garantiert auch welche. 

ZEIT ONLINE: Fischer sagt, er wolle keine AfD-Wähler als Mitglieder. In Deutschland gilt das Wahlgeheimnis, zudem ist fraglich, ob es überhaupt rechtlich möglich wäre, Mitglieder wegen ihres Wahlverhaltens auszuschließen oder abzulehnen. Ist das nicht anmaßend von Fischer, Herr Turnwald? 

Turnwald: Darüber und über seine Wortwahl kann man streiten … 

Oechler: … ich werde Peter Fischer jedenfalls nicht sagen, was ich gewählt habe … 

Turnwald: … aber darum geht es mir nicht, sondern um sein politisches Statement. Und um die Weltanschauung der AfD. Sie grenzt Schwächere aus, macht Politik auf Kosten von Minderheiten. Björn Höcke spricht von einem “Denkmal der Schande”. Alexander Gauland schwafelt andeutend abwertend über die Hautfarbe von Jérôme Boateng. Auf Flüchtlinge wollen manche AfD-Politiker schießen lassen, andere sind antisemitisch. Das passt nicht zu Eintracht Frankfurt. Die Eintracht muss sich so positionieren, dass ein AfDler überhaupt kein Mitglied werden will.

Oechler: Die AfD ist, falls es zur großen Koalition kommt, die stärkste Oppositionspartei. Sie ist nicht verboten und vertritt die Interessen von mehr als fünf Millionen Deutschen im Bundestag. Hunderttausende Wähler sind aus Enttäuschung von der CDU, aber auch von der SPD und der Linken zu ihr gewandert. Das sind nicht alles Nazis. 

Turnwald: Das sage ich ja nicht, darunter sind natürlich viele Protestwähler. Ich kann auch in Teilen ihre Unzufriedenheit verstehen. Dennoch hab ich für sie kein Verständnis. Wie kann man Politiker wählen, die sich rechtsradikal, rassistisch und fremdenfeindlich äußern? Wenn man sie wählt, macht man sich deren Argumente und Ziele zu eigen. Mit Leuten, die denen eine Stimme geben, möchte ich ungern im Stadion stehen. 

ZEIT ONLINE: Sollte sich der Fußball nicht aus der Politik raushalten? 

Turnwald: Nein. In der Satzung von Eintracht Frankfurt ist die Integration ausländischer Mitglieder verankert. In unserer Mannschaft spielen viele Fußballer aus sehr vielen Nationen.

Oechler: Widerspruch! Für Politik ist der Fußballverein nicht der richtige Ort. Ein Stadion ist keine Debattierstube. 

Turnwald: Das sehe ich anders, Armin. Seine Meinung gibt man nicht am Tickethäuschen ab. Der Fußball ist unser Volkssport, er hat auch eine gesellschaftliche Aufgabe. 

Oechler: Ich geh ins Stadion, um Fußball zu gucken. 

Turnwald: Ich auch. Aber da ist noch mehr. Ich bin Eintracht-Fan, seit ich denken kann, und ich weiß noch genau, wie wir Eintracht-Fans uns in den Neunzigern gegen Rassismus engagiert haben. Das T-Shirt mit dem Aufdruck “United Colours of Bembeltown” habe ich noch im Schrank. Unter anderem deshalb bin ich froh, Teil dieser Fanszene zu sein. Es macht mich stolz. 

Oechler: Und Badesalz hat den mit wunderbar hessischem Humor versehenen Sketch über Anthony Sabini gemacht … 

ZEIT ONLINE: … eine Anspielung auf den Umgang der Eintracht-Fans mit Anthony Yeboah, der zunächst wegen seiner Hautfarbe von vielen mit Misstrauen und Ablehnung zu kämpfen hatte, dann zum Kultstürmer wurde. Herr Oechler, ist ein Fußballverein nicht mehr als ein Unterhaltungsbetrieb? 

Oechler: Ich kann das nicht erkennen, zumindest nicht als seinen Hauptzweck. Vor allem gibt es einen weiteren wichtigen Punkt, warum Fischer Unrecht hat: Wer die AfD ausgrenzt, wird unsere Gesellschaft weiter spalten. 

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